Schlafen. Das war das einzige was sie wollte. Sie lag in ihrem Bett, wieder einmal aus einem Albtraum aufgeschreckt, und dachte nach. Wer bin Ich? Diese Frage stellte sie sich oft, und jedes mal fiel ihre Antwort gleich aus. Ich bin Ich. Sechzehn einhalb Jahre alt, 1,64 Meter groß, rote Haare, grüne Augen. Mein Name ist Tjamad. Warum ich so heiße weis ich nicht. Ich lebe bei meinem Vater, Ian. Meine Mutter ist tot. Ian sagt dass sie bei meiner Geburt gestorben sei. Ich habe meiner Mutter den Tod gebracht. Plötzlich fiel ihr ein, dass sie Eric versprochen hatte ihn noch einmal anzurufen und sie scheuchte ihre düsteren Gedanken beiseite. Eric, ihren besten Freund. Sie schnappte sich ihr Handy vom Nachttisch und wählte seine Nummer. Sie kannte sie besser als ihre eigene. Es klingelt bestimmt zehn Mal. Dann nahm er endlich ab.
»Hey«, flüsterte er mit verschlafener Stimme. »Du hast mich geweckt. Weist du eigentlich wie spät es ist? Drei Uhr verdammt. Und ich hatte gerade so einen schönen Traum.«
»Was denn für einen?«, fragte Tjamad und kuschelte sich mit dem Handy an ihrem Ohr wieder unter ihre warme Decke.
»Das werde ich dir jetzt ganz sicher unter die Nase reiben.« Erics Stimme klang besorgt. »Bist du denn an deinem Vater vorbeigekommen, ohne dass er dich entdeckt hat? Denn so wie ich dein Talent kenne…«, er verstummte.
»Klar bin ich reingekommen ohne dass er etwas gemerkt hat. Er saß vor dem Fernseher und schlief wie ein Stein.«
»Gut. Danke dass du mich angerufen hast Jamie.« Es klang fast zärtlich als er ihren Namen aussprach, er nannte sie schon seit ihrer Kindheit so. »Machen wir morgen, oder eher gesagt heute was zusammen? Ich kann ja zum Frühstück kommen und bring gleich Donuts mit.«
»Klar. Ich freu mich drauf.«, antwortete sie und gähnte. »Aber für mich bitte die, die mit Schokolade gefüllt sind.«
Sie wachte auf weil sie etwas Pelziges an der Wange spürte.
»Mephisto!« Der schwarze Kater guckte sie verwundert an. So als ob er die Empörung in ihrer Stimme gehört hatte. »Du dummer Kater.«, knurrte sie. Dann sprang sie auf und verscheuchte ihn mit dieser raschen Bewegung. Dass Tiere immer genau den Zeitpunkt erwischen mussten an dem man am schönsten träumt, dachte sie und ging ins Bad um sich zu duschen.
Nachdem sie ihre Haare geföhnt und zu einem Knoten gebunden hatte ging sie runter in die Küche. Klar. Ian ist schon weg, wie jeden morgen. Selbst in den Ferien kann er sich nicht Freinehmen. Sie setzte Kaffee auf und begann den Tisch zu decken. Es klingelte an der Tür.
»Die Tür ist offen!«, rief sie. Sekunden später lugte ein schwarzer Wuschelkopf um die Ecke.
»Guten Morgen.« Eric musterte sie mit seinen braunen Augen. »Du siehst toll aus.«, murmelte er verlegen und musterte seine Füße, »Obwohl du mich die Nacht wach gehalten hast.«
»Guten Morgen, Eric.« Sie sah dunkle Ringe um seine Augen. »Ich will ja jetzt nicht sagen, dass du schlecht ausseihst oder so, aber du siehst echt fertig aus.«
»Schon okay.«, er grinste. »Aber wenn ich nicht gleich eine Tasse Kaffee bekomme und was esse fall’ ich tot um. Mein Magen hängt mir schon in den Kniekehlen.« Er zauberte einen großen Pappkarton hinter seinem Rücken hervor. »So Madame, wie gewünscht die Donuts.« Er verbeugte sich grinsend und nahm sich gleich einen Schoko-Donut.
»Eric! Der Kaffee ist doch noch gar nicht fertig… und hast du dir überhaupt die Hände gewaschen?«
»Ach Gott. Du hörst dich ja schon an wie meine Mutter, Rotschopf.« Er schmunzelte. »Und nein, ich habe meine Hände nicht gewaschen.«
»Tja, dann bekommst du wohl oder übel auch keinen leckeren, heißen Kaffee mit ganz wenig Milch und viel Zucker.« Jamie setzte sich mit zwei dampfenden Tassen Kaffee in der Hand ihm gegenüber. »Aber da ich heute mal nett sein möchte darfst du ausnahmsweise auch ohne gewaschene Hände essen.« Sie guckte ihn schelmisch an. Was Ian jetzt dazu sagen würde, dass ich gegen seine Hygieneregeln verstoße. Sie kicherte. Komischerweise war sie trotz missachten seiner Regeln fast nie krank. Eric unterbrach seine Erzählung und schaute sie kopfschüttelnd an.
»Hallo, Erde an Jamie. Jemand da?« Sie verschluckte sich fast an ihrem Kaffee.
»Ich wette, dass du mir genau zwei Sekunden zugehört hast. Denn dann hast du so einen verträumten Blick bekommen. Wie immer.«, beleidigt runzelte er seine Stirn.
»Tut mir leid.« Jamie sah beschämt auf den Tisch.
» Schon okay, ich kenn dich ja. Wie wär’s wenn du mit zu Tom kommst? Wir wollten doch noch mal üben für den Gig nächste Woche.«
»Ich komme mit.«
Sie stand entschlossen auf, nahm die zwei Tassen und stellte sie in die Spüle. Dann stiegen Eric und sie in seinen Wagen. Die Straße war trotz der brütenden Hitze so voll wie sie auch sonst auch war.